Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS)

Historische Verkehrswege hinterlassen Spuren in der Zeit, schlagen Brücken von der Vergangenheit in die Gegenwart. Ziel des Bundesinventars der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS) ist es, diese wichtigen Zeitzeugen zu erhalten und zu pflegen.

Aktuelles Fallbeispiel: Die Kesselismühlebrücke trotzt der zersetzenden Kraft des Wassers

Keelisbruecke NL 5403

(Fotos: B&H)

Die Kesselismühlebrücke (IVS-Objekt AI 110.1.1) ist die älteste erhaltene Steinbogenbrücke im Kanton Appenzell Innerrhoden. Ihre Wurzeln können bis 1535 zurückverfolgt werden, als in verschiedenen Dokumenten an diesem Ort eine «Schömpis Brug» erwähnt wurde. Der eigentliche Name des Bauwerks geht auf einen gewissen Michel Kissling zurück, der hier im 16. Jahrhundert eine Mühle betrieb – die Kesselismühle.

Gebaut in ihrer heutigen Form wurde die Brücke um 1809, als die Strasse von Appenzell nach Gonten neu angelegt und für Kutschen fahrbar gemacht wurde. Man geht davon aus, dass damals die Fahrbahn des schmucken Bauwerks auf das heutige, linear ansteigende Niveau angepasst wurde. Die Kesselismühlebrücke verfügt damit über eine interessante Asymmetrie, die sich durch den stehenden Bogen ergibt, der in unterschiedlichen Höhen auf den anstehenden Felsen gesetzt ist.

Betonplomben schaffen Stabilität
Die typische vorindustrielle Mauerwerkbrücke befand sich vor der Instandstellung in einem schlechten Zustand. Der Zahn der Zeit, sprich das eindringende Wasser, nagte an zahlreichen Stellen am Fugenmörtel, so dass die Stirnmauern und die Kranzsteine des Gewölbes praktisch ohne Verbund zum übrigen (mittleren) Gewölbe standen. Darüber hinaus waren einzelne Steine der Bogenunterschicht herausgefallen und die an die Brücke anschliessende Stützmauer bauchte aus. Zudem wurde die Brücke mit inadäquaten Betonergänzungen und Stahlklammern an der Bogenunterseite gesichert.

Folglich drehte sich einer der Schwerpunkte der Instandsetzungsarbeiten um die langfristige statische Sicherung der Brücke. Die Steine, die aus dem Gewölbe herausgefallen oder vom Frost zersetzt worden waren, mussten ersetzt werden. Dafür wurden die Hohlstellen des Gewölbes von unten mit Spritzbeton (Betonplomben) verfüllt, der mit Druck eingebracht wurde. So konnte er sich mit den bestehenden Steinen gut verzahnen, damit die Hohlstellen dauerhaft verschlossen bleiben. Dank dieser Betonplomben konnte auf quer laufende Zugstangen verzichtet und die bestehenden eisernen Klammern entfernt werden.

Dichtigkeit wiederherstellen
Mit der zersetzenden Kraft des Wassers haben viele Steinbogenbrücken – vom Mittelalter bis zu den Eisenbahnviadukten um 1900 – zu kämpfen. Das Wasser zerstört durch Frostbildung das Gefüge und öffnet die Fugen zusätzlich, so dass noch mehr Wasser eindringen kann und es zu Auswaschungen kommt. So auch bei der Kesselismühlebrücke, bei der ein sorgfältiges, mehrschichtiges Abdichtungskonzept eingesetzt wurde. Dabei wurde der Gewölberücken mit einer Zweikomponenten-Flüssigfolie abgedichtet, die das Wasser in eine Sickerleitung führt und die Brücke so entwässert. Diese Abdichtung deckte man mit Drainmatten ab, die seitlich hochgezogen wurden. Aufgefüllt wurde dieser Bereich mit Sickerbeton, der die Unterlage für die eigentliche Pflästerung der Brücke bildet.

Keelisbruecke 02 5402

Neuer Belag und weitere Ergänzungen
Der Belag der Brücke besteht aus Kalksteinen, die in Alpnach abgebaut werden. Mit ihrer Witterungsbeständigkeit und ihrem Abriebwiderstand eignen sie sich besonders für Pflästerungen von Strassen und Plätzen. Trotz ihrer entfernteren Herkunft passen sie sich gut in die Sandsteinmauern der Brücke ein.

An den Stellen, wo inadäquate Betonteile entfernt werden konnten, ergänzte man das historische Mauerwerk mit neuen Quadern aus Rorschacher Sandstein. Ebenso wurden fehlende Steine der Stirnmauern ergänzt. Diese Arbeiten wurden zusammen mit dem Fachbereich Steinberufe des Gewerblichen Berufs- und Weiterbildungszentrums St. Gallen realisiert. Die Steinmetze und Steinbildhauerinnen in Ausbildung fertigten die neuen Abdecksteine, denen sie in der Tradition ihres Gewerbes ihre selbst gewählte, nicht geregelte Oberflächenbearbeitung gaben.

Nach Abschluss aller Instandsetzungsarbeiten erstrahlt die in Form und Mauerungstechnik einmalige Kesselismühlebrücke in neuem Glanz. Sie wurde Anfang September 2019 eingeweiht und dient heute der Bevölkerung wieder als attraktiver Fuss- und Wanderweg.

Projektinfo
Sanierung und Instandsetzung der Kesselismühlebrücke (Kesselisbrugg)
IVS-Objekt Al 110.1.1, Objekt von regionaler Bedeutung, historischer Verlauf mit viel Substanz.


 

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Die Graphische Sammlung der Schweizerischen Nationalbibliothek hat die Originaldokumente der Grundlagenarbeiten für das Bundesinventar der historischen Verkehrswege archiviert und erschlossen. Das IVS-Archiv wurde in die EAD-Sammlung (Eidgenössisches Archiv für Denkmalpflege) eingebunden und ist dort nun für alle zugänglich: Bericht über die Erschliessung

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Historische Wege zwischen Bautechnik und Denkmalpflege
 

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